Think Tank „Open Future“: „Wir brauchen wehrhafte Formen von Offenheit“

Logo des Think Tanks "Open Future"

Digitalpolitische Weichen werden in Europa schon lange in Brüssel gestellt. Wenn eine EU-Urheberrechtsform einen Zwang zu Uploadfiltern vorschreibt, können Mitgliedsländer in der Umsetzung nur noch an den Reglern drehen, verhindern können sie diese nicht mehr. Angesichts der Dominanz von Industrieverbänden und Unternehmenslobbys haben es gemeinwohlorientierte Anliegen nicht leicht, am Brüsseler Parkett Gehör zu finden. 

Headshot Paul Keller
Paul Keller, Co-Gründer von „Open Future“ CC-BY 4.0 Giorgos Gripeos

Paul Keller ist seit inzwischen fast 20 Jahre ein Verfechter von freiem Zugang zu Wissen und Kultur, war schon bei den Anti-ACTA-Protesten aktiv und hat sich in den letzten Jahren als Geschäftsführer des niederländischen Think Tanks Kennisland vor allem mit der EU-Urheberrechtsreform beschäftigt. Gemeinsam mit Mitstreiter:innen wie Alek Tarkowski aus dem Umfeld der COMMUNIA Association for the Public Domain hat Keller jetzt „Open Future“ gegründet, der sich selbstbewusst als „Think Tank for the Open Movement“ versteht. Einen ersten online-öffentlichen Auftritt hat Open Future kommende Woche bei der Konferenz „Towards a Common Internet“ der niederländischen Publicspaces-Initiative. Im Interview haben wir Paul Keller schon einmal vorab zu Zielen und der verlorenen Unschuld von „Open“ befragt.

netzpolitik.org: Was ist Euer Elevator Pitch: warum braucht es Open Future und was macht ihr?

Paul Keller: Bei Open Future richten wir uns auf die Herausforderungen, denen sich die digitale Welt nicht nur jetzt, sondern auch in der Zukunft stellen muss. Wir glauben, dass wir hier in Europa die Chance haben, das Internet offen zu halten und es besser zu machen. Wir sehen die Möglichkeit, eine digitale Umgebung zu schaffen, die auf Chancengleichheit, demokratischem Zugang zu Informationen und der Achtung der Grundrechte basiert ist.

Wir sind der Meinung, dass das derzeitige politische Umfeld in Europa eine echte Chance bietet, diese Ziele zu verwirklichen. Als Open Future wollen wir hierzu beitragen.

netzpolitik.org: Ihr bezeichnet Euch als Think Tank des „Open Movement“. Wer zählt für Euch zu dieser Bewegung – und wo würdet ihr die Grenze ziehen?

Paul Keller: Es geht, glaube ich, nicht so sehr um Abgrenzungen, sondern um das Ausbauen von Koalitionen und Zusammenarbeit. Den Kern des Open Movements sehen wir in Organisationen, die sich für den freien Zugang zu Informationen und Kultur einsetzen. Das sind die klassischen Projekte wie Wikipedia/Wikimedia oder Open Street Map aber auch andere Organisationen, die sich zum Beispiel für Open Access im wissenschaftlichen Betrieb einsetzen. Dann gibt es natürlich die Free-Software-Community mit zentralen Projekten wie Mozilla, die ganz explizit für ein offenes Internet eintreten, Organisationen wie Creative Commons und eine Vielzahl von Open-Data-Projekten in den verschiedensten gesellschaftlichen Sektoren.

netzpolitik.org: Jenseits dieser Kerngruppe, wen seht ihr noch als (potentiellen) Teil des Open Movement?

Paul Keller: Wir denken, dass es vor allem wichtig ist, über den eigenen Tellerrand hinaus zu gucken, und hier vor allem an zwei Gruppen: Zum Einen öffentliche Institutionen wie Museen, Bibliotheken und Archive, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen. Sie alle haben in den letzten Jahren begonnen, sich auf verschiedene Weise für Offenheit einzusetzen. Wir denken deshalb, dass sie unglaublich wichtige Verbündete beim Aufbau wirklich öffentlicher digitaler Räume sind. Zu diesen Gruppen gehören für uns auch öffentlich-rechtliche Medienanbieter, aber die tun sich mit dieser Rolle noch immer ziemlich schwer.

Zum zweiten denken wir an all die anderen Initiativen, die sich für Bürger- und Freiheitsrechte im digitalen Raum einsetzen. Als Open Movement müssen wir noch mehr auf diese Gruppen zugehen, da freier Zugang zu Wissen und Kultur inzwischen nicht mehr im luftleeren Raum des ursprünglichen Internets stattfindet, sondern im Kontext des Überwachungskapitalismus. Dieser Realität müssen wir uns stellen.

netzpolitik.org: Ist „Open“ nicht inzwischen fast schon retro, kämpfen wir online nicht mit den Folgen von einem Zuviel an Offenheit, zum Beispiel was soziale Netzwerke oder ähnliches betrifft?

Paul Keller: Es stimmt, dass „Open“ zu einem zweischneidigen Schwert geworden ist. Und im Gegensatz zur Diskussion Anfang der letzten Dekade dominiert inzwischen die Sorge über zu viel Offenheit. Dass bedeutet aber nicht, dass „Open“ inzwischen ein überholtes Konzept ist. Freier Zugang zu Wissen und Kultur bleibt nach wie vor hochrelevant wenn wir uns für einen bessere und egalitäre Gesellschaft einsetzen wollen.

Aber es ist richtig, dass die negativen Konsequenzen von Offenheit viel zu wenig thematisiert worden sind. Die Bewegung rund um den freien Zugang zu Wissen und Kultur hat sich unserer Ansicht nach viel zu wenig mit den veränderten Machtverhältnissen im digitalen Raum auseinandergesetzt. Das hat dazu geführt, dass wir nicht richtig verstehen, inwieweit das Öffnen von Kultur und Informationsgütern auch zum Aufstieg und zur Dominanz der dominanten Plattformen beigetragen hat. Es ist eines unserer Ziele, die Wechselwirkungen zwischen Offenheit und Machtkonzentration besser zu verstehen, um daraus neue Interventionsformen abzuleiten. Es kann gut sein, dass wir hier wehrhaftere Formen von Offenheit brauchen. Mehr “Share-Alike” und “Copyleft” und weniger bedingungsloser Zugang.

Wir haben diese Problematik in einem Essay mit dem Titel „The Paradox of Open“ auch gleich zum Start thematisiert. In der digitalen Welt ist Offenheit sowohl eine Herausforderung als auch ein Wegbereiter von Machtkonzentrationen. Diesem Paradox müssen wir uns als Open Movement stellen, wenn wir die emanzipatorischen Kräfte von freiem Zugang zu Wissen und Kultur dauerhaft erhalten wollen.

netzpolitik.org: Ihr beide, Paul und Alek, wart bis vor kurzem noch bei COMMUNIA, einer NGO zur Förderung der Public Domain, engagiert. Warum habt ihr Euch entschieden, lieber etwas Neues zu gründen?

Paul Keller: Wir bleiben beide bei COMMUNIA engagiert, denn wir sehen Open Future und COMMUNIA als komplementäre Initiativen. COMMUNIA ist eine Advocacy Organisation, die sich direkt ins Tagesgeschäft der digitalen Politik mischt. Gerade sind wir da immer noch mitten in der Umsetzungsdiskussion zur Urheberrechtsrichtlinie, sowohl in den individuellen Mitgliedstaaten wie auch in Brüssel. Mit Open Future wollen wir uns auf die langfristige Strategieentwicklung konzentrieren. Was sind die Themen, die wir in 2025 auf dem Tisch der nächsten Europäischen Kommission sehen wollen?

Anders gesagt: Wo COMMUNIA hauptsächlich defensiv agiert hat, wollen wir mit Open Future Narrative für eine bessere digital Welt entwickeln. Ein Beispiel für diese Herangehensweise ist unsere Vision for a Shared Digital Europe, die wir im Jahr 2019 Zusammen mit unseren Partnern vom Commons Network und Vertretern von 20 anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen entwickelt haben.

netzpolitik.org: Als ein Think Tank mit Offenheit im Namen, wie werdet ihr es selbst mit Transparenz halten? Wer finanziert Euch?

Paul Keller: Wir haben Ende letzten Jahres eine Förderung des Arcadia Fund bekommen. Diese Finanzierung bietet uns für die nächsten vier Jahre eine Basis, um die Organisation auf die Beine zu stellen. Um weiter zu wachsen müssen wir uns um weitere Unterstützer bemühen. In erster Linie richten wir uns hier auf Beträge von anderen gemeinnützige Stiftungen. Wir sind inzwischen auch im Transparenzregister der EU Institutionen eingetragen und werden alle finanziellen Beiträge auch auf unserer eigenen Website publizieren.

netzpolitik.org: Was können Leute tun, die sich für Eure Arbeit interessieren oder Euch unterstützen wollen?

Paul Keller: Unsere Website ist noch im Aufbau, aber wir haben einen monatlichen Newsletter und sind als @openfutureEU auf Twitter aktiv. Wir sind auch offen für Ideen und Vorschläge für unser Forschungsprogramm. In den nächsten Monaten werden wir auch eine Reihe von halböffentlichen Veranstaltungen durchführen, um Input für unser Forschungsprogramm zu sammeln. Außerdem werden wir ein Fellowship Programm einrichten, mit dem wir Leute unterstützen wollen, die unsere Interessen und Ziele teilen. Wer Interesse und Ideen hat, wie wir zu mehr Offenheit in der digitalen Welt beitragen können, meldet euch bitte bei uns.


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