Corona-Pandemie: Das ganze Desaster der Digitalisierung in einer SMS

Einreisende nach Deutschland erhalten seit dem 1. März eine SMS, die sie über Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, Regeln, Tests und Quarantäne informieren soll. In der Pressemitteilung heißt es: „Über den Kurzlink erhalten Einreisende kompakte Informationen über ihre Pflichten im Zusammenhang mit dem Coronavirus…“

Soweit so normal – wäre da nicht die katastrophale Umsetzung. Die Informationsarchitektur aus der Hölle, welche die IT-Forsch- und Spaßgruppe @zerforschung als erstes minutiös zerlegt hat, fängt damit an, dass ein internationaler Gast am Flughafen eventuell noch gar kein mobiles Internet hat und vermutlich nicht sündhaft teure Roamingkosten bezahlen möchte. Denn statt die Information in mehrere SMS zu packen oder zumindest irgendwie vorzugliedern, bekommen Reisende folgenden deutsch-englischen Mischtext mit einem Link:

Die Bundesregierung: Willkommen/Welcome! Bitte beachten Sie die Test-/Quarantäneregeln; please follow the rules on tests/quarantine: https://bmg.bund.de/covid19

Wer sich irgendwie Internet besorgt hat und nach dieser ersten deutsch-englischen Sprachhürde dennoch den Link auf seinem Smartphone aufruft, bekommt erst einmal eine Cookie-Warnung auf deutsch, welche die gesamte Seite des mobilen Bildschirms abdeckt. Auch Sicht der Usability ist das natürlich eine Katastrophe, wenn ich eigentlich Menschen unterschiedlicher Sprache mit „kompakten Informationen“ versorgen will und sie dann mit einem deutschen Text und Knöpfen konfrontiere, die sie vermutlich nicht verstehen. Schon bei dieser Warnung wird ein Teil der Angesprochenen vermutlich kopfschüttelnd aussteigen.



Eine ganz andere Frage ist, warum eine staatliche Seite eigentlich sage und schreibe zwölf Cookies von Google und YouTube setzen will, darüber hinaus zwei Statistik-Cookies und fünf weitere angeblich notwendige Cookies. Warum verzichtet man auf solchen Info-Seiten nicht komplett auf Cookies und damit auch auf die Warnung? Oder man gibt die Warnung zumindest in mehreren Sprachen aus? By the Way: In der mobilen Version war es unmöglich anzusehen, welche Cookies überhaupt gesetzt werden.

Unlesbare Grafiken

Das Desaster geht weiter. Beim Runterscrollen erkenne ich eine „Grafik“. Anhand dieser Grafik soll ich als Einreisende:r informiert werden, was ich als nächstes tun soll. Allerdings liegt die Grafik nicht hochauflösend vor. Zoome ich mit dem Handy hinein, dann wird die Schrift so undeutlich, dass ich sie nur schwer entziffern kann. Für Menschen mit Sehbehinderung ist ein Bild mit Text natürlich komplett ausschließend. Der Text des Bildes ist zudem nur auf deutsch verfügbar. Klicke ich auf das Bild, öffnet sich ein PDF dieser Grafik. Ein Hinweis, dass ein Klick auf ein Bild das PDF öffnet, findet sich nicht.

Wenn ich die Anweisungen dieser Grafik folge leisten will, muss ich aber erst einmal aus dem Kopf wissen, ob das Land, aus dem ich einreise, ein „Risikogebiet“, „Hochinzidenzgebiet“ oder „Virus-Variantengebiet“ ist. Die Begriffe selbst werden auch nicht näher erklärt.

Eigentlich würde ich ja jetzt erwarten, dass ich ein Suchfeld bekomme, in dem ich nach Ländern suchen kann, oder eine Liste mit Landesflaggen oder zumindest ein olles Drop-Down-Menü, um zu erfahren, wie Deutschland mein Herkunftsland einordnet und was ich jetzt tun muss.

Es gibt nichts dergleichen. Stattdessen muss ich auf der Seite des Robert-Koch-Institutes (RKI) – selbstverständlich wieder mit großer deutschsprachiger Cookie-Warnung – in einer Bleiwüste auf dem Smartphone suchen, in welche Kategorie mein Land gehört. Auf Deutsch. Auf Englisch gibt es ein zehnseitiges, nicht barrierefreies PDF, welches immerhin am Anfang der Seite angeboten wird. Wer kein Englisch kann, muss es jetzt lernen.

Alleine zum Durchscrollen der RKI-Seite mit den Länderinfos braucht man auf dem Smartphone mindestens eine Minute. Das müssen wohl diese „kompakten Informationen“ sein, die das Gesundheitsministerium in der Pressemitteilung angepriesen hat.

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PDF-Dokumente mit vielen, vielen Links

Noch düsterer sieht es für Sprecher:innen anderer Sprachen aus. Diese mussten sich auf der Startseite bis gerade – es scheint, dass das Bundesgesundheitsministerium nach der ersten Kritik an der Seite etwas herumgewerkelt hat – erst einmal durch die englische Version vorarbeiten. Dort bekamen sie dann PDFs in verschiedenen Sprachen. Mittlerweile gibt es diese PDFs schon auf der Startseite.

PDF-Dokumente auf dem Handy haben meistens das Problem, dass sie extrem unpraktisch und nervig sind. So auch die hier genutzten PDFs. Sie sind in der Hochkant-Ansicht nicht ohne Vergrößern und damit lästigem Querscrollen lesbar, weil die Schrift zu klein ist. Im Querformat geht es: Die Dokumente mit ihren zahlreichen Links sind allerdings – auch wenn man sie lesen kann – hochgradig verwirrend. Ein Albtraum in Sachen Nutzerfreundlichkeit, zumal man sich die für einen selbst geltenden Bestimmungen erst einmal auf unterschiedlichen Webseiten und weiteren PDF-Dokumenten selbst zusammen recherchieren muss. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bestimmungen noch je nach Bundesland anders sind.

„Herzlich willkommen in Deutschland!“ Nach einem 14-stündigen Flug, eingequetscht und ohne Schlaf, werden sich die Reisenden in jedem Fall über diese Begrüßungsaufgabe freuen. Eine Aufgabe, die so schwer ist, dass man in die Corona-SMS auch einfach hätte reinschreiben können: „Fragen Sie sich bitte irgendwie durch!“ Das wäre zumindest ehrlich gewesen.

Eigentlich kein Hexenwerk

Nach einem Jahr Pandemie und ebenso viel Vorlauf hätte man ja eigentlich erwarten können, dass ein reiches Land wie Deutschland es auf die Reihe kriegt, eine Webseite zu bauen, die gleich am Anfang die Browsersprache ausliest und so den Nutzer:innen eine Seite in der von ihnen genutzten Sprache – oder zumindest auf Englisch – ausgibt. 

Diese Seite hätte dann ein Suchfeld, in das ich eingebe, aus welchem Land ich einreise, in welchen Ländern ich mich in den letzten 10 Tagen aufgehalten habe und in welches Bundesland ich reisen will. Daraufhin würde diese Seite in einfacher, verständlicher Form zeigen, was ich zu tun habe und welche Regeln für mich gelten. Diese Seite wäre so programmiert, dass sie keine Cookies braucht, damit man auf ablenkende Banner verzichten kann.

Es ist eigentlich nicht so schwer. Aber wenn die Beteiligten die wichtigsten Informationen nicht maschinenlesbar, sondern in PDFs veröffentlichen und aktualisieren, dann wird sogar die Programmierung einer kleinen Informationsseite zum Ding der Unmöglichkeit für die Bundesregierung.

Mit der Einreise-SMS zeigt Deutschland jetzt eindrucksvoll der ganzen Welt, dass Digitalisierung und Nutzerfreundlichkeit hierzulande Fremdwörter sind und nicht nur Großprojekte wie die digitale Bildung oder die Digitalisierung der Gesundheitsämter, sondern auch die einfachsten Problemstellungen grandios in den Sand gesetzt werden. Bestimmt hat die ganze Sache trotzdem viel Geld gekostet. Wer mehr zum Entstehungsprozess dieser Informationsarchitektur des Todes wissen will, kann einer Informationsfreiheitsanfrage folgen, die dem nachgeht.


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